Inmitten der Eskalation in Iran bleibt bisher ein wichtiger Partner Teherans außen vor: China.
Am Montagabend telefonierte Chinas Außenminister Wang Yi mit dem iranischen Amtskollegen Abbas Araghchi. Die USA hätten mit ihrem Angriff internationales Recht verletzt, »die iranische Seite hat keine Wahl, als sich um jeden Preis zu verteidigen«. China setze sich für Fairness und Gerechtigkeit ein, so Wang.
Schon am Samstag hatte Peking die Tötung Khameneis als »Ermordung« verurteilt und die Angriffe auf Teheran »sehr besorgt« zurückgewiesen. Irans Souveränität, Sicherheit und territoriale Integrität sollten respektiert werden, hieß es aus dem chinesischen Außenministerium.
Das sind deutliche Worte. Aber viel mehr als verbale Unterstützung kann Teheran aus Peking im Krieg mit den USA nicht erwarten. In diesen Tagen zeigt sich deutlich, was schon im vergangenen Jahr, während der amerikanischen Angriffe auf das iranische Atomprogramm, offensichtlich wurde: Die Partnerschaft zwischen den beiden Ländern fußt auf einem ungleichen Fundament. China ist wichtig für Iran. Aber Iran nicht so wichtig für China.
Keine Sicherheitsgarantien
Peking und Teheran unterhalten seit Anfang der Siebzigerjahre diplomatische Beziehungen. 2016 vertieften sie die Verbindung, sie vereinbarten eine »umfassende strategische Partnerschaft«. In dem Jahr reiste auch Xi Jinping nach Teheran – sein einziger Besuch in dem Land bisher, was viel erzählt darüber, wo auf der Prioritätenliste des chinesischen Staats- und Parteichefs sich das Regime in Teheran befindet.
Iran ist Teil der chinesischen Seidenstraßeninitiative, ist Mitglied des von China dominierten Staatenverbundes Brics und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit SCO, das Peking gern als alternativen Zusammenschluss für eine globale Sicherheitsarchitektur beschreibt.
Sicherheitsgarantien für Iran leiten sich daraus jedoch nicht ab. 2006 stimmte China im Uno-Sicherheitsrat für Sanktionen gegen Teheran, aber intensivierte gleichzeitig seine Wirtschaftsbeziehungen mit dem Land. Auch in Grauzonen: Wie Recherchen von SPIEGEL und BR aufdeckten, versorgte ein chinesischer Händler das iranische Regime mit Raketenbauteilen.
Für Peking hatte die Partnerschaft mit Iran stets drei große Vorteile. Erstens ist Iran ein Absatzmarkt für chinesische Unternehmen. Dazu bekommt Peking billiges Öl: 80 Prozent des iranischen Öls gehen nach China, für Xi ist das ein günstiger Weg der Energiesicherung, er kann sich damit unabhängiger von Öl und Gas aus Russland oder Saudi-Arabien machen.
Zweitens war Iran stets eine antiamerikanische Anlaufstelle im Nahen Osten. Und drittens bindet der Fokus der USA auf den Nahen Osten amerikanische Kraft und Ressourcen. Ressourcen, die Washington sonst auf China und den Indopazifik verwenden könnte. Militärisches Gerät, das die USA in Iran einsetzen, fehlt gegebenenfalls vor Taiwan. Südkoreanische Medien spekulieren bereits, dass die USA knappe Flugabwehranlagen abziehen und in den Nahen Osten verlegen könnte.
Keine Illusionen
»In der Region hatte niemand je die Illusion, dass China in einer Situation wie jetzt Iran zu Hilfe eilen würde«, sagt William Figueroa, der sich an der Reichsuniversität Groningen mit China und dem Nahen Osten beschäftigt. Es gebe für Peking wichtigere Partner im Nahen Osten als Iran: Saudi-Arabien, andere Golfstaaten oder etwa Ägypten. Dort kaufe Peking viel mehr Öl als in Iran.
Für Iran hingegen, vom Westen geächtet und sanktioniert, ist China vor allem eins: alternativlos. China ist größter Handelspartner des iranischen Regimes. Peking tätigt Investitionen im Land. Es verkauft Iran wichtige Technologien, darunter digitale Überwachungsinstrumente, die dem Regime dabei halfen, die jüngsten Proteste brutal niederzuschlagen. Seine ausgestreckte Hand verhindert, dass Teheran vollständig isoliert ist.
Umgekehrt aber gilt: Sollte das Regime in Teheran tatsächlich stürzen, wären die Folgen für China wohl verkraftbar. Es würde seine Landsleute in Sicherheit bringen, seine Firmen, und, so gut es geht, seine Investments. Die Ölimporte aus Iran sind für Peking günstig. Wenn sie versiegen, wäre es für China schmerzhaft, aber verkraftbar. Sie machen allein nur gut zehn Prozent der Einfuhren über den Seeweg aus. China hat sein Ölportfolio breit aufgestellt. In den vergangenen Monaten sollen chinesische Firmen ihre Ölvorräte mit Hinblick auf eine mögliche Irankrise aufgestockt haben.
Größer wären die Probleme für Peking, wenn Iran die Straße von Hormus schließen würde. Weit mehr als 40 Prozent der chinesischen Energieimporte aus dem Nahen Osten müssen durch die Meerenge geschifft werden. Am Dienstag äußerte sich die Regierung besorgt. China fordere die beteiligten Konfliktparteien auf, »die Sicherheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu gewährleisten und weitere Auswirkungen auf die Weltwirtschaft zu verhindern«.
Bisher scheint der für China lebenswichtige Energiekanal offen zu sein. Am Montag drohte ein Vertreter der iranischen Revolutionswächter, jedes Schiff zu beschießen, das versuche, die Meerenge zu durchqueren.
Eine Schließung der Straße von Hormus wäre ein kritischer Moment für China, sagt der Iranexperte Ma Xiaolin, Professor an der Zhejiang-Universität für Internationale Studien. Vor allem eine andauernde Blockade käme die chinesischen Wirtschaft teuer zu stehen. »Ich gehe davon aus, dass Peking an die Internationale Gemeinschaft herantreten wird, damit die Straße von Hormus offenbleibt«, sagt Ma. Spätestens in diesem Fall würde die ohnehin nur lockere Partnerschaft zwischen Iran und China auf eine ernsthafte Probe gestellt.